Archiv Ausgabe Januar 2020 Theater, Comedy, Show Theater und Show

Theater in amorphen Zeiten

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Das immer noch „neue“ Sandkorn steht für Unterhaltung mit Haltung 
 
„Wir sind ein saukleiner Haufen“, sagt Erik Rastetter über das Team, das seit zwei Jahren das „neue“ Sandkorn-Theater stemmt, sechs Leute für Büro, Technik und Theaterleitung. 16 Produktionen sind bislang entstanden, zumeist eigene Stückentwicklungen. „Wir betreiben mit diesem kleinen Team einen extrem großen Aufwand und befinden uns immer noch im Aufbau, der Sondierungs- und Findungsphase.“  
Schnell war absehbar, dass der von Erik Rastetter vor gut zwei Jahren eingeschlagene Weg das Sandkorn nach dem vorangegangenen Desaster neu als „Theatermanufaktur“ aufzustellen, der richtige war. Auch wenn in den Köpfen der Karlsruher erst einmal wieder das Bewusstsein geschaffen werden musste, dass das zwischenzeitlich insolvente Privattheater im Westen der Stadt durchaus noch oder wieder neu existiert. „Wir haben gemerkt, dass gerade Produktionen, die wir hier im Haus entwickeln wie das Kabarett, die 1968-Revue oder Summertime, vom Publikum stark mit uns identifiziert werden.“ So finden sich bislang nur wenige Stücke wie etwa Yasmina Rezas moderner Komödienklassiker „Kunst“ im Sandkorn-Spielplan, die einem gewöhnlichen Theaterrepertoire entsprechen. Eher sind es Stückentwicklungen, die gesellschaftlich relevante Themen auf satirische, musikalische, komödiantische oder anderswie unterhaltsame Weise auf die Bühne bringen. „Wir haben herausgefunden, was wir eigentlich wollen, und das nennen wir Unterhaltung mit Haltung“, so Rastätter, „denn es ist klar, dass das Publikum etwas unterhaltsames möchte, und es ist uns wichtig, dass das Publikum von einem Abend bei uns auf der emotionalen Ebene etwas mitnehmen kann. Aber wir sind uns als Theater auch bewusst, dass wir in einer Zeit leben, die amorpher geworden ist, und in der extremere Kräfte wirksam werden.“ So postuliert Rastetter eine Bühne am Puls der Zeit, die Themen aufgreift, die relevant sind, und bei allem Vergnügen auch etwas über die Gesellschaft aussagen. „Ein gutes Beispiel ist da vielleicht dass wir in einer an sich leichten Revue wie Summertime, in der wir die 100-jährige Geschichte eines Friseursalons erzählen, auch das Dritte Reich nicht aussparen“, so der Theaterleiter. 
 
In hohem Maße erfüllen den selbstgestellten Anspruch insbesondere Kabarettprogramme, die schon im „alten“ Sandkorn um den Jahreswechsel fest auf dem Spielplan standen. Damals wie heute war die Inszenierung des winterlichen Kabarettprogramms im Sandkorn Chefsache. „Es ist mir aber wichtig, dass unser Kabarett inhaltlich mit Weihnachten nullkommanull zu tun hat, und wir sowohl formal und inhaltlich echt was anderes machen“, so Rastetter. So ist das aktuelle laufende „Saugroboter an die Macht!“ ein Rundumschlag zum Thema der digitalisierten Welt mit den besten Aussichten auf eine Unterstützung durch künstliche Intelligenz. Bereits beim Effekte-Festival der Stadt im vergangenen Sommer hatte das Sandkorn eine 45-minütige Show zum Thema beigesteuert, die nun zum abendfüllenden Programm anwuchs. Und auch die nächste Premiere am 20. Februar ist ein Kabarett-Programm, die erste des Comedy-Kabarett-Duos rastetter & wacker seit vier Jahren. In einer Art von szenischer Lesung wühlen sich die beiden Komödianten Martin Wacker und Erik Rastetter durch die Kabarettarchive und schaufeln in „Kabarettnotstand!“ hervor, was die Klassiker des deutschsprachigen Kabaretts von Hannsdieter Hüsch über Kurt Tucholsky und Karl Valentin bis zu Dieter Hildenbrandt an Relevantem für unsere Tage hinterließen. Ganz auf ihre eigene Art werden die beiden ja auch anderweitig äußerst beschäftigten Protagonisten interpretieren und durch eigene neue Nummern ergänzen. Wer nicht so lange auf ein Wiedersehen mit Martin Wacker warten will, kann diesen am 30. Januar als Teil der Badischen Bluesverschwörung Knoch `n Wacker erleben.

Sandkorn im Theaterhaus

Kaiserallee 11
76133 Karlsruhe
 
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